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NERV

Die Ursprünge des Lebkuchenhauses

Die Ursprünge des Lebkuchenhauses – auch Knusperhäuschen genannt – gehen bekanntlich auf das Grimm’sche Märchen von Hänsel und Gretel zurück. Von Vater und Stiefmutter im bitterkalten Wald ausgesetzt, stoßen die beiden Kinder nach langer zielloser Wanderung auf ein merkwürdiges Gebäude: Wände und Dach aus Lebkuchen, zusammengehalten mit Zuckerguss, verziert mit Schokolade, Kuchen und allerlei weiteren Zuckerwaren. Die hungrigen Kinder wähnen sich schon im Schlaraffenland, nur leider haben sie die Rechnung ohne die Bewohnerin der Leckerei, einer bösen, alten Hexe, gemacht. Na ja, wie gesagt, der Rest dürfte ja allen bekannt sein.

Für mich warf dieses Märchen allerdings immer ein paar Fragen auf – selbst wenn man mal das Problem außer acht lässt, in wie fern es denn ethisch vertretbar ist, einfach die Häuser fremder Leute aufzuessen. Zunächst mal: Wie lebt man eigentlich in einem Lebkuchenhaus? Ist das denn überhaupt isoliert oder friert man da furchtbar? Ich meine, es dürfte ja nicht ganz einfach sein, dieses Haus zu beheizen. Man stelle sich nur die Sauerei vor, wenn die Schokoladenverzierungen schmelzen und durch alle Ritzen tropfen. Und was passiert eigentlich, wenn es anfängt zu regnen und der Zuckerguss, der das ganze Gebilde zusammenhält, sich auflöst? Bricht einem dann die ganze Chose über dem Kopf zusammen? Okay, man könnte jetzt sagen, die Bewohnerin ist schließlich eine Hexe, die hält ihr Häuschen schon mit Magie beieinander – aber mal ehrlich, Leute: Wer glaubt denn heutzutage noch an Zauberei? Magie – tut man das nicht in die Suppe?

Andere Frage: Was hat das ganze eigentlich mit Weihnachten zu tun? Gut, die Geschichte spielt im Winter. Aber dieser Zusammenhang erscheint mir doch ein bisschen dünn. Immerhin wird Hänsel ja auch nicht vom Nikolaus oder vom Christkind davor gerettet, als saftiger Braten zu enden, sondern dadurch, dass die blinde Hexe seinen kleinen Wurstfinger nicht von einem dürren Hühnerbeinknochen unterscheiden kann. Für eine Hexe sind das recht dürftige Anatomiekenntnisse.

Trotzdem finden sich jedes Jahr zur Weihnachtszeit die Familien zur fröhlichen Lebkuchenbastelei zusammen. Obwohl, so ganz stimmt das heute auch nicht mehr: Das durchschnittliche Kind einer modernen New-Economy-Patchworkfamilie weiß wahrscheinlich gar nicht mehr, dass Lebkuchen gebacken wird. Denn die durchschnittliche Mutter der New-Economy-Patchworkfamilie backt nicht mehr, dafür fehlt die Zeit – sie kauft. Oder entscheidet sich aus dem schlechten pädagogischem Gewissen heraus für die zeitsparendere, einfachere – und auch kalorienärmere – Variante: Knusperhäusschen aus Butterkeksen. Dafür braucht man lediglich Butterkekse – wer hätte es gedacht? – Zuckerguss zum Zusammenpappen derselben und Liebesperlen und Schoko-Kuvertüre zum Verzieren. Hänsel, Gretel und böse Hexe werden von Gummibärchen dargestellt. Die Kanten der Kekse streicht man dann einfach mit Zuckerguss ein und klebt sie hausförmig zusammen. Das stundenlangen Festhalten der Wände kann man dabei ungeliebten Stiefmüttern überlassen und derweil die Gummibärchen essen – man braucht ja nur drei. Aus eigenen Experimenten auf diesem Gebiet zog ich die Lehre, dass ich besser niemals Architektin werde. Und dass man von Gummibärchen in Verbindung mit flüssiger Kuvertüre noch mehr Bauchschmerzen bekommt als sowieso schon. Mal ganz abgesehen davon, dass sich diese Kuvertüre nur sehr schwer wieder aus Polstermöbeln entfernen lässt. Na ja, das war eher die Lehre, die meine Eltern daraus zogen – ich musste ja nicht waschen.

Als Kind mochte ich den harten Lebkuchen der Knusperhäuschen übrigens überhaupt nicht. Den noch viel härteren Zuckerguss erst recht nicht. Also aß ich sorgfältig alle Smarties, Weingummis und den restlichen Schokokram von Wänden und Dach ab. Viele meiner Freunde und auch meine Geschwister hielten es genauso. So erwartete die Überreste der Knusperhäusschen jedes Jahr dasselbe Ende: Zunächst standen sie so lange im Zimmer, bis sie so hart geworden waren, dass selbst unser Hund sie nicht mehr fressen wollte – das will schon was heißen – und bis sich meine Eltern schließlich erbarmten und die Hausrudimente der Wiederverwertung zuführten.

Ein ähnliches Schicksal, das auch zahlreiche Lebkuchenherzen erleiden. Nur, dass diese nicht so schnell weggeworfen werden, sondern aus Sentimentalitätsgründen so lange irgendwo rumhängen, bis sie sich als Wurfgeschosse für Autonomendemos eignen. Eigentlich eine unglaubliche Verschwendung von Lebensmitteln. Wie viele hungernde Familien in Afrika könnte man wohl mit diesem ganzen Lebkuchen ernähren? Sollte man nicht grade zur Weihnachtszeit mal darüber nachdenken?

Zuerst erschienen im "NERV - Zeitschrift für politische und kulturelle Diskussion an der Uni Hildesheim"
17.5.06 22:36


Antwerpe for Beginners

Es war voll. Zu voll. Als sie vor einiger Zeit ankamen, waren sie noch fast die einzigen. Mal wieder die ersten, hatte sie gedacht und innerlich die deutsche Pünktlichkeit verflucht. Man verrät sich doch immer wieder. Ihre Freundin hatte sich darüber beschwert, dass so wenige Menschen da waren. Jetzt beschwerte sie sich gerade darüber, dass so viele Menschen da waren. Weil sie nicht mehr tanzen konnte.



„Ich geh mal was zu trinken holen“, brüllte sie ihrer Freundin ins Ohr. Die Musik war zwar schlecht, aber laut. Vorhin erst hatte sie gemeint, ein schlimmes Deja-vu zu erleben. Dann war ihr aufgefallen, dass der DJ tatsächlich angefangen hatte, alle Songs zum 2. Mal zu spielen.

„Willst du auch was?“

Ihre Freundin wollte nicht, also schob sie sich zur Theke vor. Keine ungefährliche Aktion, ständig bekam sie Ellenbogen und/oder Hände ins Gesicht oder in den Magen – je nach Größe des Angreifers. Als sie endlich die Bar erreicht hatte, fühlte sie sich wie nach einer großen, heroischen Tat. Die Erstbesteigung des „Vettigen SWA“ oder so ähnlich. Ohne Sauerstoffgerät. Leider.



Wenigstens gab es heute billige Drinks. Vielleicht konnte sie sich ja die Party schönsaufen. Bei Kerlen funktionierte das nicht, das hatte sie schon gemerkt. Wenn ein Typ hässlich war, wenn sie nichts getrunken hatte, war er noch genauso hässlich, wenn sie fünf Tequilla intus hatte. Dann wollte sie noch genauso wenig mit ihm anfangen. Abgesehen davon war sie nach fünf Tequillas auch zu fertig für anstrengendere körperliche Betätigungen. Aber Tequilla gab es hier sowieso nicht.

Während sie auf ihren Cocktail wartete (Orangensaft mit Passoa, phantasievolleres hatten die Organisatoren nicht zu bierten), versuchte mal wieder ein männliches Exemplar sein Glück.

„Where are you from?“



1. Checkt: Dummer Spruch, aber einfachstes Thema hier. Englisch nicht schlecht. Kein zu identifizierender Akzent. Nicht sehr betrunken: Pluspunkt.

Minuspunkt: mindestens einen Kopf kleiner als sie. Also keine Chance.

„I’m from Germany, ´n you?”

“German? You’re not German!” Männliches Exemplar schüttelte den Kopf. „German women are blond and fed.“

Sollte das jetzt ein Kompliment sein? Sie hatte gerade keine große Lust auf wiederholte Erklärungen über Wasserstoff-Peroxid-Gebrauch in Deutschland. Sie hatte im allgemeinen keine große Lust auf Gespräche. Schon gar nicht mit Menschen des anderen Geschlechts.

„Do you know a lot of German women, so that you could judge?“

Warum hörte sie sich eigentlich nicht so abweisend an, wie sie klingen wollte? Warum hörte sie sich trotz des Inhalts ihrer Worte eher einladend an? Stop it now!

“I’m from Bulgaria and the the women there are the most beautiful in the world! I like to look at them. I really miss it here.”

Dann geh doch zurück! Schoss ihr durch den Kopf. Wie kann man sich eigentlich so dermaßen selbst disqualifizieren? Dachte er etwa, sie würde sich jetzt ihr Oberteil vom Leib reißen, weil er bulgarische Frauen vermisste?

Endlich bekam sie ihren Cocktail für Arme und ergriff die Flucht. Für eine sarkastische Erwiederung war sie zu sprachlos. Und auch zu lustlos. Ihr doch egal, wenn der Typ seine verquere Masche bei einer anderen versuchte.



Ihre Freundinnen hatten sich in eine Ecke nahe beim DJ-Pult zurückgezogen. Da konnten sie noch einiger Maßen so tun, als würden sie tanzen: mal den einen Fuß heben, mal den anderen, mal den rechten Nachbarn den Ellenbogen im Takt in die Rippen hauen, mal dem linken in die Nase stechen. Es war vergleichsweise gemütlich. Leider lag der Platz nahe am DJ-Pult auch nahe am Klo. Aber so lange sie einfach nicht atmeten, war es wirklich der beste Platz im ganzen Raum.

Eine ihrer Freundinnen wurde ebenfalls von einem männlichen Exemplar belagert. Einem französischen diesmal. Die Freundin machte ein gelangweiltes Gesicht und war sichtlich unbegeistert von diesem Gespräch. Das französische Männchen bemerkte das aber nicht weiter – es selbst fand sich nämlich total beigeisternd.

Sie selbst war froh, dass sie kein Wort Französisch verstand. So konnte sie die Fetzen des Balzgespräches einfacher ignorieren und weiter anderen Leuten mit ihren spitzen Gelenken blaue Flecken zufügen.



Warum versuchen hier eigentlich alle, so zu tun, als ob das Spaß machen würde? fragte sie sich. Wenn doch jeder wusste, dass dem nicht so war?



Jetzt musste sie doch mal atmen und ihre Lungen füllten sich mit einem Geruchsgemisch aus Schweiß, Pisse und biertgetränkten Zigarrettenkippen. Gleichzeitig tauchte eine drängende Frage auf: Klo oder nicht Klo? Es wäre schön, wenn sich ein Toilettenbesuch noch vermeidbar wäre, aber sie hatte den Eindruck, dass das nicht mehr lange möglich sein würde. Sie glaubte zwar nicht, dass es irgend jemandem augefallen wäre, hätte sie einfach auf den Boden gepinkelt, aber das warm-nasse Gefühl an ihrem Hintern fand sie doch wenig erstrebenswert. Also: Klo.

Es gab kein getrenntes Männer- und Frauenklo. Eigentlich gab es noch nicht mal mehr ein richtiges Männerklo. Die männlichen Exemplare verrichteten ihr Geschäft in einer einfachen Pissrinne, in der einige Kippen herumschwammen. Mit fortschreitender Zeit und steigendem Alkoholspiegel verloren die Typen auch die Scheu davor, dass ihnen jeder Reinkommende beim Pissen auf die Pimmel starren konnte.

Das Frauenklo hatte wenigstens eine Tür, die man sogar abschließen konnte. Ansonsten war es auch nicht gerade sauber. Sie trauerte ein wenig darüber, dass sie kein Free-Diver war, der die Luft 20 Minuten lang anhalten konnte. Das hier war zwar nicht ganz so schlimm wie die dreckigste Toilette Schottlands, aber nahe dran. Nur leider kam kein Ewan McGregor aus der Schüssel geklettert. Das hätte den Abend vielleicht noch gerettet.



Als sie vom Klo zurück kam, wurde ihre Freundin immer ncoh von dem französischen Männchen bebalzt. Warum sagt sie ihm nicht einfach, wie furchtbar langweilig sie es findet? dachte sie. Warum hatte sie dem Typen an der Bar vorhin nicht gesagt, wie furchtbar dumm sie ihn fand? Warum sagte sie nur zu sich selbst, dass sie sich dumm fand, weil sie anderen nicht sagen konnte, dass sie sie dumm fand? Warum war Ewan nicht aus dieser dummen Toilette gekrochen?

„Ich gehe jetzt!“ brüllte sie ihrer Freundin ins Ohr. Die nickte erleichtert. Gemeinschaftlicher Aufbruch. Das französische Männchen drängte noch seine Telefonnummer auf, folgte aber Gott sei Dank nicht. Draußen erstmal atmen.

10.1.05 19:19


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