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C O N T E N T
NERV

DU bist der Baum

DU bist ziemlich vieles in dieser Zeit.
DU bist dein AStA, DU bist deine Uni, DU bist Deutschland. DU bist ein Schmetterling - und aus irgendwelchen Gründen bist DU auch ein Baum.


Die zitierte und mächtig auf die Tränendrüse drückende Pro-Deutschland-Kampagne mag ja eine Menge Kritik aufkommen lassen, nicht zuletzt, da derselbe hübsche Slogan schon mal einen propagandaträchtigen Platz unter einem überlebensgroßen Foto des körperlich eher kleinen Adolf Hitlers einnahm. Ja, du bist ein Baum – eine stolze deutsche Eiche, zum Beispiel. Oliver Voss von der verantwortlichen Werbeagentur Jung von Matt erklärt gegenüber dem Spiegel aber Gott sei Dank die anti-nationalsozialistische Ausrichtung der Kampagne: „Wir haben sogar durchgestrichene Hakenkreuze verwendet, um unsere Position klar zu machen." Na, dann ist ja gut! Was die deutschtümelnde Werbung von heute aber zeigt: Für Veränderungen, gesellschaftlich wie politisch, braucht man Masse. Nur Bewegungen bewegen etwas.


In der hochschulpolitischen Landschaft fühle ich mich recht häufig, als würde ich allein mit dem Kopf gegen eine Mauer rennen und nichts ändert sich. Kein Putz bröckelt, kein Haarriss im Gemäuer, kein Resultat, nur Kopfschmerzen. Zwar möchte ich nicht beschwören, dass das Ergebnis ein anderes wäre, würden plötzlich 200 Leute ihre Köpfe gegen diese Wand schlagen. Außer vielleicht 199 Menschen mehr mit Kopfschmerzen und ein immenser Anstieg des Aspirin-Verbrauchs - womit wir immerhin der deutschen Pharmaindustrie zu einem noch größeren Aufschwung verholfen hätten. Vielleicht schlagen 200 Dickschädel aber auch ein Loch in die Wand oder bringen sie zum Einsturz. Vielleicht.


Nun steht man in Deutschland den Massenbewegungen seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts noch ein wenig skeptischer gegenüber als in anderen Ländern, was auch die ablehnende Haltung gegenüber der „Du bist Deutschland“-Kampagne erklären mag. So viel Gutes oder Wiederholenswertes ist bis jetzt ja nicht dabei rausgekommen, wenn wir uns mal als eine Masse fühlten, als ein „Volk“, und alle, völlig gleichgeschaltet, dasselbe wollten. Oder doch zumindest nichts Anderes.
Aber es besteht immer noch ein Unterschied zwischen einer Masse, die glaubt, eine Schafherde zu sein, und einer Masse mit einer Meinung, zwischen unkritischem Hinterherlaufen und der Entwicklung eines gemeinsamen Bewusstseins. Eines Bewusstseins, das dann jeder Einzelne in dieser Masse hat: Dem Bewusstsein, dass er als Einzelner eine Bedeutung hat, dass er etwas bewegen kann, dass seine Stimme gehört wird, wenn er nur Teil einer Menge ist, die gemeinsam schreit. In einer demokratischen Gesellschaft heißt diese Menge Staat, denn – das scheinen wir vergessen zu haben – der Staat sind eben nicht nur irgendwelche Politiker, für vier Jahre gewählt und in der Lage, zu machen, was sie wollen. In dieser Lage sind sie nur, solange sich niemand beschwert, zumindest, solange das nicht laut genug geschieht.


Man hat lediglich gelernt, dass man uns in unserer so auf Individualismus bedachten Gesellschaft ziemlich viel nehmen kann, bis wir ALLE laut aufschreien. Arbeitsplätze, Sozialleistungen, das Recht auf eine gesicherte Zukunft im Alter oder auch im Krankheitsfall, das Recht auf freie Bildung ohne Unterschiede durch soziale Herkunft… die Liste ist beliebig fortsetzbar. Doch die Masse hält still.
Die Masse schreit nicht auf, die Masse jammert leise vor sich hin – in der Gewissheit, so nicht gehört zu werden. Gehört zu werden könnte ja bedeuten, sich plötzlich mit seiner Stimme aktiv einmischen zu müssen, plötzlich Verantwortung übernehmen zu müssen für die eigenen Wünsche. Gesellschaftliche Missstände zu beklagen erfordert nicht soviel Intellekt, kaum geistige Bewegung, vor allem kaum eigene Aktion. Tatsächlich Änderungen vorzunehmen erfordert Ideen, erfordert Mitarbeit und damit Anstrengungen. Wie viel bequemer, einfach mal alle vier Jahre das Haus zu verlassen, ein Kreuz zu machen, damit alle Verantwortung abzutreten und dann mal die anderen machen zu lassen, die, die gewählt sind. Wir wissen, sie machen´s nicht gut, wir wissen, die Entscheidungen sind selten zu unserem Vorteil – darüber jammern wir dann. Denn eigentlich fühlen wir uns so ganz wohl, zurückgezogen in der verantwortungslosen Sicherheit des individuellen Jammerns, in der wir das Denken und Handeln getrost anderen überlassen können. Um dann darüber zu klagen, dass man an den „Umständen“ als Einzelner ja eh nichts ändern kann.


Es ist eben so viel einfacher, das Rennen gegen politische Wände von vorne herein als aussichtslos abzutun, so viel angenehmer, gar nicht erst Kopfschmerzen zu bekommen vom harten Mauerwerk der Verantwortung. Darin sind wir uns, die vielen einzelnen ICHs und DUs, dann wenigstens einig.
DU bist ein Baum, ICH bin ein Baum, WIR sind Bäume, WIR sind ein Wald. Steif, holzköpfig und stumm starren wir in die Welt und warten ab, was sich um uns herum so tut.


Zuerst veröffentlicht im NERV WS 2005/06
17.5.06 22:40


Eine kurze Geschichte des NERVens

Zehn Jahre NERV, zehn Jahre kulturelle und politische Diskussion an der Uni Hildesheim. Seit nunmehr einer Dekade treffen sich fleißige AStA-Mitglieder und andere geübte NERVer und NERVerinnen, um zu recherchieren, was den NERV der Uni-Gesellschaft trifft, um Artikel zu schreiben, die früher dem Rektor und nun dem Präsidenten auf die NERVen fühlen und um Layouts zu entwerfen, die dem NERV der Zeit entsprechen. Unter Einsatz all ihrer NERVenstärke verbringen sie NERVenaufreibende Nächte vor ihren Computerbildschirmenden, im Kampf mit dem zum Teil NERVigsten Layout-, Text- und Bildverarbeitungsprogrammen, die ihre Synapsen je gesehen haben. Und nach Tagen NERVenzerfetzender Anspannung können sie ihn endlich der gespannten Menge präsentieren: den neuen NERV.


In Zeiten, bevor der NERV NERV hieß, gab es die AStA-Info, später den Astaroid. Doch im Wonnemonat Mai des Jahres 1995 entschloss sich ein neu gewählter, hoch motivierter AStA, die hochschulpolitische Diskussion fortan unter einem kurzen, knackigen und irgendwie auch zutreffenden Namen zu bereichern – der NERV war geboren.
Im Vorwort, der Synapse, zum ersten NERV heißt es dazu:
„Die Entstehungsgeschichte dieses Namens ist eine Geschichte vom Chaos, der Feststellung, dass es Konsens nicht immer geben kann, vom Stress und der Erkenntnis, dass NERVen etwas sehr wertvolles sind, vor allem gerade dann, wenn sie wieder einmal in Gefahr geraten, einem/r geraubt zu werden.“
Wie wahr. Und die NERVen der AStA- und Redaktionsmitglieder wurden in den letzten zehn Jahren häufig auf eine harte Probe gestellt.


Der Inhalt
Eine Geschichte des NERV ist natürlich auch eine Geschichte der hochschulpolitischen Entwicklung in unserem Land und deren Widerspiegelung an der Uni Hildesheim. In den Anfangsjahren ist diese von Seiten des AStA geprägt durch die Bemühungen um ein Kollektiv, durch eine gleichmäßige Verteilung der Aufgaben und Verantwortungen – nicht immer zur Zufriedenheit aller Beteiligten, weswegen man schließlich doch zu einem Referenten-System mit (mehr oder weniger) klar verteilten Zuständigkeitsbereichen zurück kehrt.
Seit seinen ersten Jahren zeichnet den NERV eine allgemeinpolitische Ausrichtung aus – Umwelt-, Frauen- und Gleichstellungs- und Antifaschismusthemen werden behandelt. Der NERV bringt Berichte über die Studentenproteste in Frankreich 1996, nimmt sich immer wieder der Asylpolitik an und auch Datenschutzfragen angesichts neuer Chipkarten lassen die Redakteure und freien Autoren - denn auch die gibt es von Beginn an, einen Text im NERV veröffentlichen kann nämlich im Prinzip jeder, der möchte - nicht unkommentiert.
Im Mittelpunkt steht aber immer das, was AStA und alle anderen Studierenden am meisten betrifft: die Bildungspolitik. Bis 1997 – und seit 2004 wieder - ist die Uni Hildesheim Mitglied im fsz, dem Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften; ihm und seinen Aktionen ist in den ersten Ausgaben jeweils eine eigene Sektion gewidmet. Eine Winterausgabe des NERV bereitet die Gremienwahlen vor, stellt die studentischen Kandidaten und seit 2001 auch Informationen über die Abstimmung zum Semesterticket vor.
Die NERV-Redaktion muss angesichts der auf die NERVen fallenden Situation der Bildungspolitik immer wieder NERVen aus Drahtseilen unter Beweis stellen: Im Jahr 1995 zum Beispiel ist die Uni Hildesheim akut von der Schließung bedroht. Wissenschaftliche Stellen werden abgebaut, der Fachbereich Informatik schließlich ganz geschlossen. Ein harter Schlag für die Uni und auch für die NERV-Redaktion, die mit zahlreichen Artikeln den „Kampf um die Uni“ - so der Titel eines von AStA, SP und Professoren gemeinsam ausgerichteten „Zukunftswochendes“ Beginn 1996 - durchaus kritisch begleitet. Die Auswirkungen einer Umwandlung der Hochschule in eine Stiftungsuniversität werden ebenso thematisiert wie die erste Nichtauflösung des Studierendenparlaments zugunsten eines Plenums 2004.
NERV-Thema Nummer eins, im doppelten Wortsinne, waren, sind und bleiben wohl die leidigen Studiengebühren – dieses Special könnte durchaus auch unter dem Titel „Zehn Jahre Versuche zur Abschaffung der freien Bildung“ laufen. Bereits im Herbst 1995 schwebt die Drohung eines kostenpflichtigen Studiums durch die Hochschulflure, der AStA ruft daraufhin an der Uni Hildesheim den „Heißen Herbst“ aus. Der NERV leistet hier Lebenshilfe für alle folgenden Protestgenerationen und veröffentlicht die Erfahrungen und Tipps der Streikenden in einer „Streikfibel“ (im Moment leider vergriffen). Auch sonst kommt der NERV seinem Informationsanspruch zu diesem Thema voll nach: Ein Höhepunkt ist wahrscheinlich das ausführliche Interview mit Präsident Friedrich zu Fragen der Studienfinanzierung im NERV SoSe 2005 (noch zu haben, einfach mal im AStA-Büro fragen).
Im Zuge des NERVenaufreibenden und sehr oft auch zermürbenden Kampfes gegen Gebühren sowie für den Erhalt der Hochschule kommt es immer wieder zu Rücktrittsforderungen gegen Rektoren und Minister, aber auch zu mehr (oder weniger) sinnvollen Vorträgen, mehr (oder weniger) spannenden Podiumsdiskussionen und mehr (oder weniger) provokanten Protestbekundungen, immer begleitet von Berichten im NERV.
Anfang 2005 liegen dann die NERVen blank, als das Bundesverfassungsgericht die Entscheidungskompetenzen in der Bildungspolitik den Ländern zuspricht und Studiengebühren plötzlich und für einige vielleicht überraschend sehr konkret werden. Später im Jahr folgt in Niedersachsen die Unterzeichnung des (Achtung, Euphemismus!) „Zukunftsvertrags“ zwischen Landesregierung und Hochschulen, in dem u.a. die Gebühren schwarz auf weiß festgeschrieben sind.
Im NERV-Archiv entlarven sich auch interessante Parallelen der Geschichte: 1996 soll der damalige Rektor Menzel gehen, da er auf der Landeshochschulkonferenz die Angliederung der Uni an die Uni Hannover befürwortet hat. 2005 löst ein Treffen der Landeshochschulkonferenz ebenfalls heftig geNERVte Reaktionen der Studierenden aus: Präsident Friedrich lädt die LHK in die Domäne, dort bespricht man sich beim Mittagessen über oben genannten Zukunftsvertrag. Draußen demonstriert die Studierendenschaft.
Und das ist erst der letzte Streich in der äußerst NERVenzerfetzenden Konfrontation mit der real-kapitalistischen deutschen Bildungspolitik.


Doch da gibt es auch noch andere Themen, die die NERVen der Studierenden berührten:
2002 NERVte es zum Beispiel besonders, dass in der Uni-Mensa Partys von kommerziellen Veranstaltern betrieben wurden, die man verdächtigte, sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen einen kostengünstigen Veranstaltungsort sichern zu wollen. Das SP erließ eine im NERV veröffentlichte Resolution – seitdem genießen studentische Gruppen bei der Mietung der Mensa Vorrang. Einer der betreffenden Veranstalter bekam im nächsten Paraneua eine nicht sehr wohlwollende Rezension seiner Bar. Gegen diese Rezension wurde praktisch zeitgleich mit dem Erscheinen der Ausgabe eine einstweilige Verfügung erwirkt und der kleine Text musste in einer NERVigen stundenlangen Sitzung von den AStA-Mitgliedern mit weißen Zettelchen zensiert werden. Was im nächsten NERV natürlich nicht umkommentiert gelassen wurde.

Wie der Untertitel schon sagt, ist der NERV auch die erste Adresse, wenn es um Informationen zum kulturellen Leben an der Uni und in Hildesheim geht. So berichtet der NERV immer wieder über Theateraufführungen, Lesungen und musikalische Highlights von Studierenden, hin und wieder findet sich auch eine Film-, Theater- oder Buchrezension. Nicht fehlen dürfen natürlich auch die Uni-Partys mit den allseits beliebten (oder doch eher NERVenden?) Party-Fotos.

Die Verpackung
In zehn Jahren hat sich einiges getan in der technischen Entwicklung, der Markt bietet immer neuere, immer tollere Möglichkeiten zur Textgestaltung und Bildmanipulation. Klar, dass eine innovative Redaktion da am NERV der Zeit liegt und immer wieder spannende neue Layouts zu bieten hat.
In den Anfangsjahren zeichnet sich das Titellayout noch durch eine gewisse Sachlichkeit aus, einer Reduktion aufs Wesentliche, die alle Anforderungen einer Ästhetik der Nüchternheit erfüllt. Später wird es dann schon ein wenig verspielter, Streifen und Karomuster treffen auf pastellige Hintergründe und im Mai 1996 zum ersten Mal auf die mittlerweile charakteristische NERVenzelle. Das Logo ändert sich mehrmals von Groß- in Kleinschreibung und wieder zurück. Man probiert alternative Wege zum Ziel und kehrt den Manipulationsprogrammen von Microsoft zu Gunsten von Unix den Rücken. Nach einer Ausgabe hat die Welt der „Winzigweichfenster“ die Redaktion wieder. 1998 werden die Titelfotos größer, der gesamte NERV aber kleiner: Die wohl revolutionärste Änderung im Layout ist die Reduzierung der Größe von A4 auf A5.
So bleibt das dann erstmal bis zum Sommer 2001. Dann die nächste Veränderung: Der NERV goes Hochglanz, wieder in A4. Die großformatigen Titelbilder werden vierfarbig und auch die bei der Verkleinerung verloren gegangene NERVenzelle wird aus der Versenkung gefischt. Schließlich bringt die großartige Röni, bis heute Chef-Titellayouterin unseres Vertrauens, eine Konstante auf die wechselhafte U1: Titelzeile und NERVenzelle ergeben nun eine sowohl ästhetische als auch funktionelle Symbiose und die wichtigsten Themen finden Sie, verehrter Leser, immer unten links.
Überhaupt, die Schlagzeilen, immer aufs Neue eine beliebte Zone zum Ausleben aller Kreativität: Lustige und originelle Wortspiele zu den AStA-Wahlen wie „Alles neu macht der Mai“ (1996, 1998, 2001, 2004,…) gehören zu den Highlights, die die landesweite Hochschulpresse zu bieten hat.
Erwähnenswert sind auch die Sonderausgaben - oder Sonderbaren Ausgaben - der letzten zehn Jahre: So der NERV vom Herbst 1998, der ausschließlich auf dem Flohmarkt gefundene Fotos aus den 1920ern und 1930ern sprechen lässt. Oder der Superhelden-NERV vom Februar 1999, bebildert mit eingescannten Marvel-Comics. Oder der SonderNERV von 2004 mit Stellungnahmen von Politikern, von Studentenwerksvertretern, vom Präsidenten und von Studierenden, in aller Eile am Kopierer vor H1 vervielfältigt, ein brisantes Thema in eher bescheidener Verpackung. Oder die allseits beliebten WeihnachtsNERVs, die mit Tannenbäumen und Winterstimmung auf dem Titel, mit kleinen Gimmicks als Geschenken, mit Plätzchenback-Anleitungen und Einblicken in internationale Traditionen Lust aufs Fest machen – so wie dieser NERV hier.


Das Gesamtkunstwerk
Zehn Jahre NERV – das sind eine Menge Entdeckungen, die man machen kann: Dass Meckel laut Impressum 1996 das erste Mal beim NERV mitgemacht hat, zum Beispiel – und sich mit seiner langjährigen Treue die nach ihm benannte Passage zwischen H1 und H2 wirklich verdient hat. Dass die Bilder, die am schwarzen Brett im StudCaf hängen und daran mahnen, Stühle da zu lassen, wo sie sind, und auch ja seine Tassen auszuspülen, zum ersten Mal in einem NERV veröffentlicht worden sind. Dass der Text „Oh wie schön ist Hildesheim“, seit Jahren fester Bestandteil jedes Paraneua, von einer gewissen Petra stammt – eine Information, die über die langen Jahre hinweg verloren gegangen ist.
Zehn Jahre NERV, zehn Jahre NERV-Redaktion – und davon immerhin schon vier mit meiner Beteiligung, gewissermaßen mit Mitte 20 schon ein Fossil in der allgemeinen Hochschulfluktuation. Einige wenige NERVenstarke sind halt immer noch dabei, mit dabei aber auch einige frische Gesichter - neuer Input, neuer Output, sozusagen. Und so sind wir noch lange nicht müde, der Uni auf den NERV zu fühlen.
13.1.06 15:16


Die Qual mit der Auswahl-Wahl

Da steht sie nun also zur Debatte, die gute alte Zentralstelle für Studienplatzvergabe, liebevoll ZVS genannt. Seit Jahrzehnten werden hier Abitur-Noten – etwas aufgehübscht gerne als Numerus Clausus bezeichnet – und Wartezeiten miteinander verrechnet, Studenten werden durch Deutschland verschifft und landen schließlich da, wo sie schon immer mal hinwollten. Oder eben nicht.

Bildungspolitiker finden die ZVS nun gar nicht mehr so toll. Viel besser sei doch ein Verfahren, bei dem die Hochschulen selbst ihre Studis auswählen können. „Autonomie“ heißt das Zauberwort. Scheinbar haben nun aber die Studis ihre ZVS so lieb gewonnen, dass sich mittlerweile auch die LAK Niedersachsen für ihren Erhalt einsetzt. Auswahlverfahren der Hochschule seien nämlich alles andere als gerecht. Die Studis haben auch ein Zauberwort: „Soziale Selektion“.

Sehen wir uns also mal an, warum diese Auswahlverfahren so selektiv sein sollen:
Studenten sollen nach Interesse und Befähigung ausgewählt werden und nicht, wie bisher, nach Schulnoten. Klingt nicht schlecht - erst mal. Möchte die Hochschule die Interessen und Befähigungen der Bewerber herausfinden, muss sie sich diese Kandidaten auch mal ansehen, führt also ein Bewerbungsgespräch. Vergleichbar mit einem Unternehmen. In der Auswahlkommission sitzen dann Professoren. Ganz unbestritten besteht da die Gefahr einer „Habitus-Auswahl“, frei nach dem Motto: Gefällt mir deine Nase nicht, kommst du hier nicht rein! Zahlreiche Studien belegen dies.

Nicht gerade fair, zugegeben. Eigentlich sollte man auch meinen, dass gebildete Leute wie Professoren noch andere Auswahlkriterien als ihren Habitus kennen. Vielleicht könnte man dem aber vorbeugen und nicht nur einen oder zwei, sondern mehrere Profs, aus verschiedenen Fachbereichen, so ein Auswahlgespräch führen lassen. Eventuell noch unterstützt von Studierenden. Die könnten einen nach dem Auswahlverfahren vielleicht darauf hinweisen, warum man zugelassen oder nicht zugelassen wurde. Lernt man gleich fürs nächste Mal.
Ja, ich weiß, das ist ein Wunschtraum, das kostet nämlich wieder Geld. Was Geld kostet, geht gar nicht.
Abiturienten und sonstige Studienbewerber müssten zu solchen Gesprächen natürlich hinfahren und für diese Fahrten selbst die Kosten tragen. Angeblich trägt bereits dies zu einer sozialen Selektion der späteren Studierenden bei, da sich sozial schwächer Gestellte die Fahrten zu ihren Traumunis nicht leisten könnten. Allerdings muss man auch zu einem Unternehmen hinfahren, wenn man sich dort um einen Job oder ein Praktikum bewirbt. Diese Kosten werden ebenfalls nicht immer übernommen. Und schließlich ist es ja mein Interesse, zu studieren, oder?

Will man nach eben diesem Interesse und den Fähigkeiten auswählen, darf man die schulischen Leistungen nicht ganz außer acht lassen. Vor allem die studiengangsspezifischen Schwerpunkte. Was passiert aber nun mit jemandem, der gerne ein Fach studieren möchte, das er auf Grund der Situation an seiner Schule nicht oder nur als Grundkurs belegen konnte? Es ist ja nicht überall möglich, sich seine Wunsch-Leistungskurse zusammen zu stellen, sei es, weil die Fächerkombinationen festgelegt sind, sei es, weil es zuwenig Interessenten oder Lehrer für das Fach gibt. Mal ganz platt ein Beispiel: Religion. Ausgewählt einfach deswegen, weil an den mir bekannten Schulen keine Religions-LKs existieren. Darf jemand, der Religion also nicht oder nur als GK belegt hat, nicht mehr Theologie studieren?

Nun, Schule ist nicht alles. Ab und zu hat man ja auch Freizeit. Und wenn man sich so sehr für eine Sache interessiert, dass man sie studieren und sein späteres Leben mit ihrer Ausübung verbringen möchte, was läge da näher, als sich in seiner Freizeit damit zu beschäftigen. „Privates Engagement“ – noch so ein Zauberwort. Kirchliches Engagement für spätere Theologen, musikalische Aktivitäten für Musik-Liebhaber, etc.
Ich höre jetzt einige Leute wieder „soziale Selektion“ schreien – schließlich kann sich nicht jedeR Musikstunden leisten, oder einen Sportverein, oder privaten Sprachunterricht, oder was es alles so gibt. Jedoch existieren an vielen Schulen sogenannte AGs zu beliebigen Themen. Oder Chöre. Oder Schülerzeitungen. Oder Sportlertreffs. Oder Theatergruppen. Völlig kostenlos. Und wenn es die AG nach den eigenen Wünschen noch nicht gibt, kann man sie ja gründen. Es gibt immer einen Weg – auch ohne viel Geld.
In einem Hochschul-Zulassungsverfahren sollte dieses private Engagement dementsprechend höher bewertet werden als die Tatsache, welchen LK jemand hatte – zeugt es doch viel mehr von wirklichem Interesse.

Natürlich entscheidet sich nun nicht jedeR schon in der fünften oder sechsten Klasse, was er mal für einen Beruf ergreifen möchte. Natürlich können sich gerade während der Pubertät Vorlieben und Neigungen ändern und völlig neu entwickeln. Aber irgendwann dürfte doch jedem/jeder bekannt sein, was ihn/sie interessiert. Die hier genannten außerschulische Aktivitäten helfen wahrscheinlich sogar dabei, das heraus zu finden. Weiß man dennoch nicht, welches Studium für einen geeignet erscheint, oder ob man überhaupt studieren soll
– vollkommen verständliche Fragen – hat man nach dem Schulabschluss immer noch die Möglichkeit, ein Praktikum zu machen, ein Jahr im Ausland zu verbringen oder sich für ein soziales Jahr zu engagieren. Und so die persönlichen Interessen zu entdecken.

Interesse ist eine der Voraussetzungen dafür, dass ein einmal begonnenes Studium auch zu Ende geführt wird. Wie gesagt, wissen einige Leute nach dem Abi noch nicht, was sie werden wollen – und da soll es welche geben, die schreiben sich erst mal für Lehramt, Germanistik oder IIM ein. Solche Leute sind mir persönlich natürlich nicht bekannt. Sie studieren ein paar Jahre, stellen dann fest, dass ihre Neigungen doch woanders liegen und brechen ab. Eine stärkere Auswahl könnte zumindest mehr Studienbewerber zu einem Fach ihres Interesses und damit zu einem erfolgreichen Abschluss führen.

Das ist naiv?
Und wie naiv ist es dann bitte, Studis nach ihren Abitur-Noten auszuwählen? Zu glauben, dass diese Noten irgendetwas über ihre Befähigungen oder ihre Intelligenz aussagen?
Schon die Abitur-Bedingungen sind in Deutschland von Bundesland zu Bundesland verschieden. Mal gibt es Zentralabi, mal nicht, mal sind die Abi-Fächer vorgeschrieben, woanders haben die Schüler relative Wahlfreiheit. Da soll ja die Möglichkeit bestehen, die Kurse als Abi-Fächer auszuwählen, in denen man wenig tun muss und trotzdem gute Noten bekommt, und so den NC anzuheben. Natürlich kenne ich auch keine Leute, die das so gehandhabt haben.
Interessant ist ebenfalls, dass genau diejenigen eine von der ZVS geregelte Studienplatzvergabe befürworten, die sich an anderer Stelle gegen eine Selektion nach Noten aussprechen: nämlich bei der Vergabe von Stipendien. (ins Gespräch gekommen als Finanzierungsmöglichkeit für eventuell eingeführten Studiengebühren) Auch hier würden nicht so gut situierte Studierende benachteiligt, da sie für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssten und deswegen nicht ganz so gute Studienleistungen erbringen könnten.
Arbeiten Abiturienten aus sozial schwächeren Familien etwa nicht nebenbei? Vielleicht können auch sie deswegen nicht immer so lernen, wie es notwendig wäre. Vielleicht leiden auch bei Schülern die Noten darunter. Und trotzdem sollen sie nach diesen Noten ausgewählt werden – anstatt nach Neigung und wirklichen Fähigkeiten?

Zuerst erschienen im "NERV - Zeitschrift für politische und kulturelle Diskussion an der Uni Hildesheim", WS 2004/05
17.5.06 22:35


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