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C O N T E N T
Die Qual mit der Auswahl-Wahl

Da steht sie nun also zur Debatte, die gute alte Zentralstelle für Studienplatzvergabe, liebevoll ZVS genannt. Seit Jahrzehnten werden hier Abitur-Noten – etwas aufgehübscht gerne als Numerus Clausus bezeichnet – und Wartezeiten miteinander verrechnet, Studenten werden durch Deutschland verschifft und landen schließlich da, wo sie schon immer mal hinwollten. Oder eben nicht.

Bildungspolitiker finden die ZVS nun gar nicht mehr so toll. Viel besser sei doch ein Verfahren, bei dem die Hochschulen selbst ihre Studis auswählen können. „Autonomie“ heißt das Zauberwort. Scheinbar haben nun aber die Studis ihre ZVS so lieb gewonnen, dass sich mittlerweile auch die LAK Niedersachsen für ihren Erhalt einsetzt. Auswahlverfahren der Hochschule seien nämlich alles andere als gerecht. Die Studis haben auch ein Zauberwort: „Soziale Selektion“.

Sehen wir uns also mal an, warum diese Auswahlverfahren so selektiv sein sollen:
Studenten sollen nach Interesse und Befähigung ausgewählt werden und nicht, wie bisher, nach Schulnoten. Klingt nicht schlecht - erst mal. Möchte die Hochschule die Interessen und Befähigungen der Bewerber herausfinden, muss sie sich diese Kandidaten auch mal ansehen, führt also ein Bewerbungsgespräch. Vergleichbar mit einem Unternehmen. In der Auswahlkommission sitzen dann Professoren. Ganz unbestritten besteht da die Gefahr einer „Habitus-Auswahl“, frei nach dem Motto: Gefällt mir deine Nase nicht, kommst du hier nicht rein! Zahlreiche Studien belegen dies.

Nicht gerade fair, zugegeben. Eigentlich sollte man auch meinen, dass gebildete Leute wie Professoren noch andere Auswahlkriterien als ihren Habitus kennen. Vielleicht könnte man dem aber vorbeugen und nicht nur einen oder zwei, sondern mehrere Profs, aus verschiedenen Fachbereichen, so ein Auswahlgespräch führen lassen. Eventuell noch unterstützt von Studierenden. Die könnten einen nach dem Auswahlverfahren vielleicht darauf hinweisen, warum man zugelassen oder nicht zugelassen wurde. Lernt man gleich fürs nächste Mal.
Ja, ich weiß, das ist ein Wunschtraum, das kostet nämlich wieder Geld. Was Geld kostet, geht gar nicht.
Abiturienten und sonstige Studienbewerber müssten zu solchen Gesprächen natürlich hinfahren und für diese Fahrten selbst die Kosten tragen. Angeblich trägt bereits dies zu einer sozialen Selektion der späteren Studierenden bei, da sich sozial schwächer Gestellte die Fahrten zu ihren Traumunis nicht leisten könnten. Allerdings muss man auch zu einem Unternehmen hinfahren, wenn man sich dort um einen Job oder ein Praktikum bewirbt. Diese Kosten werden ebenfalls nicht immer übernommen. Und schließlich ist es ja mein Interesse, zu studieren, oder?

Will man nach eben diesem Interesse und den Fähigkeiten auswählen, darf man die schulischen Leistungen nicht ganz außer acht lassen. Vor allem die studiengangsspezifischen Schwerpunkte. Was passiert aber nun mit jemandem, der gerne ein Fach studieren möchte, das er auf Grund der Situation an seiner Schule nicht oder nur als Grundkurs belegen konnte? Es ist ja nicht überall möglich, sich seine Wunsch-Leistungskurse zusammen zu stellen, sei es, weil die Fächerkombinationen festgelegt sind, sei es, weil es zuwenig Interessenten oder Lehrer für das Fach gibt. Mal ganz platt ein Beispiel: Religion. Ausgewählt einfach deswegen, weil an den mir bekannten Schulen keine Religions-LKs existieren. Darf jemand, der Religion also nicht oder nur als GK belegt hat, nicht mehr Theologie studieren?

Nun, Schule ist nicht alles. Ab und zu hat man ja auch Freizeit. Und wenn man sich so sehr für eine Sache interessiert, dass man sie studieren und sein späteres Leben mit ihrer Ausübung verbringen möchte, was läge da näher, als sich in seiner Freizeit damit zu beschäftigen. „Privates Engagement“ – noch so ein Zauberwort. Kirchliches Engagement für spätere Theologen, musikalische Aktivitäten für Musik-Liebhaber, etc.
Ich höre jetzt einige Leute wieder „soziale Selektion“ schreien – schließlich kann sich nicht jedeR Musikstunden leisten, oder einen Sportverein, oder privaten Sprachunterricht, oder was es alles so gibt. Jedoch existieren an vielen Schulen sogenannte AGs zu beliebigen Themen. Oder Chöre. Oder Schülerzeitungen. Oder Sportlertreffs. Oder Theatergruppen. Völlig kostenlos. Und wenn es die AG nach den eigenen Wünschen noch nicht gibt, kann man sie ja gründen. Es gibt immer einen Weg – auch ohne viel Geld.
In einem Hochschul-Zulassungsverfahren sollte dieses private Engagement dementsprechend höher bewertet werden als die Tatsache, welchen LK jemand hatte – zeugt es doch viel mehr von wirklichem Interesse.

Natürlich entscheidet sich nun nicht jedeR schon in der fünften oder sechsten Klasse, was er mal für einen Beruf ergreifen möchte. Natürlich können sich gerade während der Pubertät Vorlieben und Neigungen ändern und völlig neu entwickeln. Aber irgendwann dürfte doch jedem/jeder bekannt sein, was ihn/sie interessiert. Die hier genannten außerschulische Aktivitäten helfen wahrscheinlich sogar dabei, das heraus zu finden. Weiß man dennoch nicht, welches Studium für einen geeignet erscheint, oder ob man überhaupt studieren soll
– vollkommen verständliche Fragen – hat man nach dem Schulabschluss immer noch die Möglichkeit, ein Praktikum zu machen, ein Jahr im Ausland zu verbringen oder sich für ein soziales Jahr zu engagieren. Und so die persönlichen Interessen zu entdecken.

Interesse ist eine der Voraussetzungen dafür, dass ein einmal begonnenes Studium auch zu Ende geführt wird. Wie gesagt, wissen einige Leute nach dem Abi noch nicht, was sie werden wollen – und da soll es welche geben, die schreiben sich erst mal für Lehramt, Germanistik oder IIM ein. Solche Leute sind mir persönlich natürlich nicht bekannt. Sie studieren ein paar Jahre, stellen dann fest, dass ihre Neigungen doch woanders liegen und brechen ab. Eine stärkere Auswahl könnte zumindest mehr Studienbewerber zu einem Fach ihres Interesses und damit zu einem erfolgreichen Abschluss führen.

Das ist naiv?
Und wie naiv ist es dann bitte, Studis nach ihren Abitur-Noten auszuwählen? Zu glauben, dass diese Noten irgendetwas über ihre Befähigungen oder ihre Intelligenz aussagen?
Schon die Abitur-Bedingungen sind in Deutschland von Bundesland zu Bundesland verschieden. Mal gibt es Zentralabi, mal nicht, mal sind die Abi-Fächer vorgeschrieben, woanders haben die Schüler relative Wahlfreiheit. Da soll ja die Möglichkeit bestehen, die Kurse als Abi-Fächer auszuwählen, in denen man wenig tun muss und trotzdem gute Noten bekommt, und so den NC anzuheben. Natürlich kenne ich auch keine Leute, die das so gehandhabt haben.
Interessant ist ebenfalls, dass genau diejenigen eine von der ZVS geregelte Studienplatzvergabe befürworten, die sich an anderer Stelle gegen eine Selektion nach Noten aussprechen: nämlich bei der Vergabe von Stipendien. (ins Gespräch gekommen als Finanzierungsmöglichkeit für eventuell eingeführten Studiengebühren) Auch hier würden nicht so gut situierte Studierende benachteiligt, da sie für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssten und deswegen nicht ganz so gute Studienleistungen erbringen könnten.
Arbeiten Abiturienten aus sozial schwächeren Familien etwa nicht nebenbei? Vielleicht können auch sie deswegen nicht immer so lernen, wie es notwendig wäre. Vielleicht leiden auch bei Schülern die Noten darunter. Und trotzdem sollen sie nach diesen Noten ausgewählt werden – anstatt nach Neigung und wirklichen Fähigkeiten?

Zuerst erschienen im "NERV - Zeitschrift für politische und kulturelle Diskussion an der Uni Hildesheim", WS 2004/05
17.5.06 22:35
 


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