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C O N T E N T
DU bist der Baum

DU bist ziemlich vieles in dieser Zeit.
DU bist dein AStA, DU bist deine Uni, DU bist Deutschland. DU bist ein Schmetterling - und aus irgendwelchen Gründen bist DU auch ein Baum.


Die zitierte und mächtig auf die Tränendrüse drückende Pro-Deutschland-Kampagne mag ja eine Menge Kritik aufkommen lassen, nicht zuletzt, da derselbe hübsche Slogan schon mal einen propagandaträchtigen Platz unter einem überlebensgroßen Foto des körperlich eher kleinen Adolf Hitlers einnahm. Ja, du bist ein Baum – eine stolze deutsche Eiche, zum Beispiel. Oliver Voss von der verantwortlichen Werbeagentur Jung von Matt erklärt gegenüber dem Spiegel aber Gott sei Dank die anti-nationalsozialistische Ausrichtung der Kampagne: „Wir haben sogar durchgestrichene Hakenkreuze verwendet, um unsere Position klar zu machen." Na, dann ist ja gut! Was die deutschtümelnde Werbung von heute aber zeigt: Für Veränderungen, gesellschaftlich wie politisch, braucht man Masse. Nur Bewegungen bewegen etwas.


In der hochschulpolitischen Landschaft fühle ich mich recht häufig, als würde ich allein mit dem Kopf gegen eine Mauer rennen und nichts ändert sich. Kein Putz bröckelt, kein Haarriss im Gemäuer, kein Resultat, nur Kopfschmerzen. Zwar möchte ich nicht beschwören, dass das Ergebnis ein anderes wäre, würden plötzlich 200 Leute ihre Köpfe gegen diese Wand schlagen. Außer vielleicht 199 Menschen mehr mit Kopfschmerzen und ein immenser Anstieg des Aspirin-Verbrauchs - womit wir immerhin der deutschen Pharmaindustrie zu einem noch größeren Aufschwung verholfen hätten. Vielleicht schlagen 200 Dickschädel aber auch ein Loch in die Wand oder bringen sie zum Einsturz. Vielleicht.


Nun steht man in Deutschland den Massenbewegungen seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts noch ein wenig skeptischer gegenüber als in anderen Ländern, was auch die ablehnende Haltung gegenüber der „Du bist Deutschland“-Kampagne erklären mag. So viel Gutes oder Wiederholenswertes ist bis jetzt ja nicht dabei rausgekommen, wenn wir uns mal als eine Masse fühlten, als ein „Volk“, und alle, völlig gleichgeschaltet, dasselbe wollten. Oder doch zumindest nichts Anderes.
Aber es besteht immer noch ein Unterschied zwischen einer Masse, die glaubt, eine Schafherde zu sein, und einer Masse mit einer Meinung, zwischen unkritischem Hinterherlaufen und der Entwicklung eines gemeinsamen Bewusstseins. Eines Bewusstseins, das dann jeder Einzelne in dieser Masse hat: Dem Bewusstsein, dass er als Einzelner eine Bedeutung hat, dass er etwas bewegen kann, dass seine Stimme gehört wird, wenn er nur Teil einer Menge ist, die gemeinsam schreit. In einer demokratischen Gesellschaft heißt diese Menge Staat, denn – das scheinen wir vergessen zu haben – der Staat sind eben nicht nur irgendwelche Politiker, für vier Jahre gewählt und in der Lage, zu machen, was sie wollen. In dieser Lage sind sie nur, solange sich niemand beschwert, zumindest, solange das nicht laut genug geschieht.


Man hat lediglich gelernt, dass man uns in unserer so auf Individualismus bedachten Gesellschaft ziemlich viel nehmen kann, bis wir ALLE laut aufschreien. Arbeitsplätze, Sozialleistungen, das Recht auf eine gesicherte Zukunft im Alter oder auch im Krankheitsfall, das Recht auf freie Bildung ohne Unterschiede durch soziale Herkunft… die Liste ist beliebig fortsetzbar. Doch die Masse hält still.
Die Masse schreit nicht auf, die Masse jammert leise vor sich hin – in der Gewissheit, so nicht gehört zu werden. Gehört zu werden könnte ja bedeuten, sich plötzlich mit seiner Stimme aktiv einmischen zu müssen, plötzlich Verantwortung übernehmen zu müssen für die eigenen Wünsche. Gesellschaftliche Missstände zu beklagen erfordert nicht soviel Intellekt, kaum geistige Bewegung, vor allem kaum eigene Aktion. Tatsächlich Änderungen vorzunehmen erfordert Ideen, erfordert Mitarbeit und damit Anstrengungen. Wie viel bequemer, einfach mal alle vier Jahre das Haus zu verlassen, ein Kreuz zu machen, damit alle Verantwortung abzutreten und dann mal die anderen machen zu lassen, die, die gewählt sind. Wir wissen, sie machen´s nicht gut, wir wissen, die Entscheidungen sind selten zu unserem Vorteil – darüber jammern wir dann. Denn eigentlich fühlen wir uns so ganz wohl, zurückgezogen in der verantwortungslosen Sicherheit des individuellen Jammerns, in der wir das Denken und Handeln getrost anderen überlassen können. Um dann darüber zu klagen, dass man an den „Umständen“ als Einzelner ja eh nichts ändern kann.


Es ist eben so viel einfacher, das Rennen gegen politische Wände von vorne herein als aussichtslos abzutun, so viel angenehmer, gar nicht erst Kopfschmerzen zu bekommen vom harten Mauerwerk der Verantwortung. Darin sind wir uns, die vielen einzelnen ICHs und DUs, dann wenigstens einig.
DU bist ein Baum, ICH bin ein Baum, WIR sind Bäume, WIR sind ein Wald. Steif, holzköpfig und stumm starren wir in die Welt und warten ab, was sich um uns herum so tut.


Zuerst veröffentlicht im NERV WS 2005/06
17.5.06 22:40
 


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