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C O N T E N T
Rezension: Thomas Glavinic, Der Kameramörder

"Medienkritik", heißt es in den Rezensionen, ein schonungsloser Einblick.
Tatsächlich ist es Kritik am Menschen selbst, die hier geübt wird. Frühstück zur Tageszeitung, Abendbrot zur Tagesschau, Cornflakes zu Erdbeben in der Türkei, Leberwurstbrot
zu Terroranschlag in Palästina. Das Unglück passiert doch immer nur den anderen.
Im Roman ist es ein sadistischer Doppelmord an Kindern, vom Mörder festgehalten auf Kamera, von einem Privatsender ausgestrahlt in Millionen von Haushalte,
von zwei gelangweilten Ehepaaren während der Osterfeiertage mit perfider Neugierde verfolgt.
Kalt ist die Sprache, protokollierend, sezierend,. Ob Federballtunier, Menüfolge des Ostermahls, Kartenspiel oder die Ausstrahlung des Mordvideos - mit klinischer
Akribie geht der namenlose Ich-Erzähler ins Detail und bleibt dabei so unpersönlich, dass es den Leser frösteln lässt. Die ausführlichen Beschreibungen anscheinend
unwichtiger Tätigkeiten und Gegenstände, die Unbeteiligtheit des Erzählers, all das mag auf die Nerven gehen, all das mag einigen nicht stimmig erscheinen,all das vermag einige Leser
sogar zu langweilen - siehe einige der Rezensionen bei Amazon. Doch das Nagen an den Nerven ist das Ziel des Autors und stimmig ist das Bild allemal: Man kann ihn
vor sich sitzen sehen, den Protokollanten, hören, wie er mit monotoner Stimme pflichtbewusst seine Aufzeichnungen ausführt.

Wirklich zu überzeugen vermag Glavinic dennoch nicht.
Nicht ist wirklich neu an der Geschichte. Nun gibt es eben keine wirklich Neuen Geschihten, alles war schon einmal da, das Problem hier ist nur: Meistens war es besser. Und wenn besser auch nur bedeutet: nervtötender.
Die Pointe war schon vor der Lektüre bekannt, ihre Überraschungskraft kann somit nicht beurteilt werden. Leser, die mehr als nur einen Thriller gelesen haben,
werden aber wahrscheinlich früh auf derartige Ideen kommen.
Die Kritik, wer auch immer nun ihr eigentliches Ziel gewesen sein sollte, ist beizeiten seltsam flau, oder schlimmer gar, sie wird zu platt. Da stürzen sich Kameras aus aller Welt auf einen kleinen Ort - das
ist die unrealistischte Stelle in diesem Roman, in dieser medienbestimmten Welt würde eine derartige Tat diese Aufmerksamkeit heute nicht mehr bekommen, grausam ist
es, aber Terrorverdacht besteht nicht. Ein Privatsender strahlt ein Video aus, mit Werbeunterbrechungen: so what? So läuft das Geschäft. Das Ende macht es dann zu explizit. Das
hätte es nicht gebraucht.
Eindringlicher schon die Szenen der Kartoffelchips-verschlingenden Zuschauer. Das Video wird aufgezeichnet, der Stoppknopf gedrückt, wenn gerade das Eis
ausgegangen ist. Man fühlt sich seltsam ertappt, nimmt sich vielleicht sogar vor, die Nahrungsaufnahme während der Abendnachrichten einzustellen und sitzt am nächsten Morgen doch
wieder mit der Tageszeitung über dem Kaffee.
Dennoch das Gefühl: Etwas fehlt in diesem Roman. Die letzte Konsequenz.

Der Vergleich mit American Psycho liegt nahe. Ellis geht in seinem Beschreibungswahnsinn jedoch viel weiter, noch mehr Details, über Dinge, die man eigentlich nie
wissen wollte - gemeint sind jetzt mal die Sorbets und Marken von Herrenanzügen und Songs von Whitney Houston - reiht Aufzählung an Aufzählung,
Beschreiung an Beschreibung, bis der Leser das Buch frustiert an die Wand werfen möchte und bei der bloßen Erwähnung des Wortes "Sorbet" einen hysterischen Anfall
bekommt. Einige haben so wahrscheinlich die Lektüre des Buches frustriert aufgeben - wie es anscheinend auch bei Glavinic der Fall war.
Nerven als Stilmittel - in Ellis Falle durchdachter, penetranter, eben konsequenter.
Und im Kontext verständlich, wenn zuvor Tom Wolfs Bonfire of the Vanities gelesen wurde. Pierce & Pierce, ja klar, aber auch Wolffs mamorbeschlagene Einganshallen,
seitenlange Ausführungen über Blumenbouquets und andere Nutzlosigkeiten finden ihren Spiegel in Ellis Detailverssensenheit.

Kann man nicht vergleichen, diese Werke? Von Glavinic über Ellis zu Wolff? Warum eigentlich nicht.
Vor Wolff gab es bestimmt auch schon was, allein, dieser Kritiker kennt es (noch) nicht.

Von diesen drei Romanen ist American Psycho der wahrscheinlich nervtötenste, der Kameramöder der wahrscheinlich unwichtigste und Bonfire der wahrscheinlich
stringenteste. Alle leben von der Beobachtungsgabe ihrer Autoren und vom Tonfall ihrer Erzählungen - wobei Wolff ungefragt der Großmeister des Ersteren ist, während
man Ellis sein Durchhaltevermögen beim Letzteren zu Gute halten muss. Glavinic sollte noch üben. Ansätze sind da. Wirkung wird erzielt. Der Spiegel wird vorgehalten.

Und jetzt bitte in genau dieser reihenfolge lesen:

the bonfire of the vanities (auch das passende buch zu dieser website...)
american psycho
der kameramörder


Bleibt die Frage: Was ist eigentlich, wenn jemand Glavinic Roman verfilmt? Intention nicht verstanden?<
29.9.06 19:42


hypertextuelles

die kunstform dieses jahrzehnts ist das sample. der remix. das sag nicht ich, das sagt natürlich der spiegel, wer sonst, aber diesmal könnte er recht haben.


mashup .


der average internet-user bewegt sich im web , folgt hyperlink nach hyperlink - gut, der AVERAGE user tut das so nicht, der fragt google und gut ist, aber man vergebe mir an dieser stelle die verallgemeinerungen - und so formt sich so in seinem kopf der hypertextuelle mix der informationen. musik, kino, fotografie zitieren nicht mehr nur, was vorher schon an musik, kino und fotografie da war, sie verbinden genres, vermengen sie zu einem neuen werk, eine meta-popkultur. die bildende kunst macht sowieso nichts anderes.


und die literatur? wo bleibt der echte hypertext, der wahre remix, zufällig gwürfelte worte aus anderer feder, neu zusammengefügt zu einem eigenständigen produkt? (steht hier mal wieder so etwas profanes wie das copyright im weg?) man nehme shakespeare, die gebrauchsanweisung der waschmaschine, goethes faust, stephen king, den wetterbericht von hürt-karthscheuren und das aktuelle vorlesungsverzeichnis, drücke auf remix, löscht hier vielleicht noch ein bisschen raus, ersetzt jedes "haus" mit "autobahnausfahrt" und jedes "gehen" mit "schneiden" - ein text, der durchaus als eigenständig anerkannt werden kann. aber kein hypertext. ein maschinengenerierter text, das ist alles.
(sind waschmaschinen-gebrauchsanweisungen kunst? sind´s wetterberichte? wenn kunst wahrheit ist und wetterberichte real und realität ist wahrheit, dann sind wetterberichte kunst. falsches auschlussverfahren, aber wen interessiert´s?ALLES ist kunst. kunst hängt vom rezipienten ab.)


für den wahren hypertext verlinke man nun jede passage, besser noch jedes wort eines beliebigen textes zu jedem werk, wo das wort ebenfalls erscheint, man verknüpfe alles mit allem, der nutzer klickt sich durch, von wort zu wort, dabei ensteht ein text, zufällig oder kausal, was macht das schon, und würde jemand diesen text aufschreiben, entstünde eine eigene geschichte, eine pro nutzer, viele pro nutzer, unzählige.


mashup .


auch das war eins.
technisch möglich? komplett unsinnig? infomation overload?
was solls? wahrscheinlich machts ja eh keiner.
29.9.06 19:44


nochmal zurück

okay, das vorherige habe ich geschrieben, bevor ich gelesen habe. natürlich waren das keine originären ideen, natürlich gab es flusser, vorher noch vannevar bush und zahlreiche andere medientehoretiker, die sich mit dem hypertext als demokratisierenden medium, als aufbrechung der autokratischen autor-leser-beziehung beschäftigt haben. mal mehr, mal weniger utopisch. dass ich aber ideen habe, die auch andere schon vor mir gehabt haben, lass ich nicht gegen mich sprechen. was gedacht werden kann, wird gedacht werden, gerne auch von verschiedenen menschen nacheinander oder gleichzeitig. das telefon ist ja auch so erfunden worden.


natürlich ist ein sample auch kin hypertext und ein hypertext ist kein sample. aber ein hypertext bietet die idealsten möglichkeiten zum sampeln mit verweis auf original. oder auch zu anderen sampeln.


und natürlich gibt es versuche, hypertexte zu schreiben. es gibt verlage, die hypertexte auf diskette oder cd herausbringen - in wie fern diese "räumlich" beschränkten texte tatsächlich hypertexte sind, nur weil sich links anklicken lassen, sei mal dahingestellt. es gibt autoren, die hyperfiction im web veröffentlichen und deren werke von der mitte zum anfang, vom anfang zur mitte und vom ende zurück gelesen werden können. oder weder ende noch anfang und schon gar keine mitte haben. schließlich gibt es die online-versionen bekannter printwerke.
doch der ultimative hypertext fehlt. hyperfiction geht nicht über klickbare fußnoten hinaus.


laut daniel egloff in digitale demokratie muss für eine wirklich demokratisierende wirkung des hypertextes dieser auch durch jeden nutzer veränderbar sein, um die grenze zwischen autor und rezipienten wirkungsvoll verschwimmen zu lassen. noch geben die autoren die leserichtung oder doch zumindest den inhalt der erzählung vor, ohne das leser in die geschichte eingreifen oder die verweise selbst ändern könnten. werden änderungen am text doch zugelassen, bleiben diese doch sichtbar - mehr oder weniger deutlich. im non-fiktionalen bereich lassen sich schließlich selbst die autoren der wikipedia- einträge zurückverfolgen, denn ältere versionen bleiben gespeichert und verweisen auf den autor. nichts mit unterschiedsloser basisdemokratie.


dazu kommt, dass eine negation des üblichen autor-leser-verhältnis nicht nur von den autoren nicht gewünscht wird. auch die leser sind ganz zufrieden mit dem status quo - wollen texte gar nicht selbst ändern und vor allem wollen sie sich nicht ihre eigene geschichte zusammenklicken, immer in der gefahr, in den unendlichen weiten des hypertextes verloren zu gehen und so eventuell noch DAS ENDE zu verpassen. verständlich allerdings, manchmal lässt an sich ganz gerne berieseln, da ist wohl niemand eine ausnahme.
29.9.06 19:45


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