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C O N T E N T
Antwerpe for Beginners

Es war voll. Zu voll. Als sie vor einiger Zeit ankamen, waren sie noch fast die einzigen. Mal wieder die ersten, hatte sie gedacht und innerlich die deutsche Pünktlichkeit verflucht. Man verrät sich doch immer wieder. Ihre Freundin hatte sich darüber beschwert, dass so wenige Menschen da waren. Jetzt beschwerte sie sich gerade darüber, dass so viele Menschen da waren. Weil sie nicht mehr tanzen konnte.



„Ich geh mal was zu trinken holen“, brüllte sie ihrer Freundin ins Ohr. Die Musik war zwar schlecht, aber laut. Vorhin erst hatte sie gemeint, ein schlimmes Deja-vu zu erleben. Dann war ihr aufgefallen, dass der DJ tatsächlich angefangen hatte, alle Songs zum 2. Mal zu spielen.

„Willst du auch was?“

Ihre Freundin wollte nicht, also schob sie sich zur Theke vor. Keine ungefährliche Aktion, ständig bekam sie Ellenbogen und/oder Hände ins Gesicht oder in den Magen – je nach Größe des Angreifers. Als sie endlich die Bar erreicht hatte, fühlte sie sich wie nach einer großen, heroischen Tat. Die Erstbesteigung des „Vettigen SWA“ oder so ähnlich. Ohne Sauerstoffgerät. Leider.



Wenigstens gab es heute billige Drinks. Vielleicht konnte sie sich ja die Party schönsaufen. Bei Kerlen funktionierte das nicht, das hatte sie schon gemerkt. Wenn ein Typ hässlich war, wenn sie nichts getrunken hatte, war er noch genauso hässlich, wenn sie fünf Tequilla intus hatte. Dann wollte sie noch genauso wenig mit ihm anfangen. Abgesehen davon war sie nach fünf Tequillas auch zu fertig für anstrengendere körperliche Betätigungen. Aber Tequilla gab es hier sowieso nicht.

Während sie auf ihren Cocktail wartete (Orangensaft mit Passoa, phantasievolleres hatten die Organisatoren nicht zu bierten), versuchte mal wieder ein männliches Exemplar sein Glück.

„Where are you from?“



1. Checkt: Dummer Spruch, aber einfachstes Thema hier. Englisch nicht schlecht. Kein zu identifizierender Akzent. Nicht sehr betrunken: Pluspunkt.

Minuspunkt: mindestens einen Kopf kleiner als sie. Also keine Chance.

„I’m from Germany, ´n you?”

“German? You’re not German!” Männliches Exemplar schüttelte den Kopf. „German women are blond and fed.“

Sollte das jetzt ein Kompliment sein? Sie hatte gerade keine große Lust auf wiederholte Erklärungen über Wasserstoff-Peroxid-Gebrauch in Deutschland. Sie hatte im allgemeinen keine große Lust auf Gespräche. Schon gar nicht mit Menschen des anderen Geschlechts.

„Do you know a lot of German women, so that you could judge?“

Warum hörte sie sich eigentlich nicht so abweisend an, wie sie klingen wollte? Warum hörte sie sich trotz des Inhalts ihrer Worte eher einladend an? Stop it now!

“I’m from Bulgaria and the the women there are the most beautiful in the world! I like to look at them. I really miss it here.”

Dann geh doch zurück! Schoss ihr durch den Kopf. Wie kann man sich eigentlich so dermaßen selbst disqualifizieren? Dachte er etwa, sie würde sich jetzt ihr Oberteil vom Leib reißen, weil er bulgarische Frauen vermisste?

Endlich bekam sie ihren Cocktail für Arme und ergriff die Flucht. Für eine sarkastische Erwiederung war sie zu sprachlos. Und auch zu lustlos. Ihr doch egal, wenn der Typ seine verquere Masche bei einer anderen versuchte.



Ihre Freundinnen hatten sich in eine Ecke nahe beim DJ-Pult zurückgezogen. Da konnten sie noch einiger Maßen so tun, als würden sie tanzen: mal den einen Fuß heben, mal den anderen, mal den rechten Nachbarn den Ellenbogen im Takt in die Rippen hauen, mal dem linken in die Nase stechen. Es war vergleichsweise gemütlich. Leider lag der Platz nahe am DJ-Pult auch nahe am Klo. Aber so lange sie einfach nicht atmeten, war es wirklich der beste Platz im ganzen Raum.

Eine ihrer Freundinnen wurde ebenfalls von einem männlichen Exemplar belagert. Einem französischen diesmal. Die Freundin machte ein gelangweiltes Gesicht und war sichtlich unbegeistert von diesem Gespräch. Das französische Männchen bemerkte das aber nicht weiter – es selbst fand sich nämlich total beigeisternd.

Sie selbst war froh, dass sie kein Wort Französisch verstand. So konnte sie die Fetzen des Balzgespräches einfacher ignorieren und weiter anderen Leuten mit ihren spitzen Gelenken blaue Flecken zufügen.



Warum versuchen hier eigentlich alle, so zu tun, als ob das Spaß machen würde? fragte sie sich. Wenn doch jeder wusste, dass dem nicht so war?



Jetzt musste sie doch mal atmen und ihre Lungen füllten sich mit einem Geruchsgemisch aus Schweiß, Pisse und biertgetränkten Zigarrettenkippen. Gleichzeitig tauchte eine drängende Frage auf: Klo oder nicht Klo? Es wäre schön, wenn sich ein Toilettenbesuch noch vermeidbar wäre, aber sie hatte den Eindruck, dass das nicht mehr lange möglich sein würde. Sie glaubte zwar nicht, dass es irgend jemandem augefallen wäre, hätte sie einfach auf den Boden gepinkelt, aber das warm-nasse Gefühl an ihrem Hintern fand sie doch wenig erstrebenswert. Also: Klo.

Es gab kein getrenntes Männer- und Frauenklo. Eigentlich gab es noch nicht mal mehr ein richtiges Männerklo. Die männlichen Exemplare verrichteten ihr Geschäft in einer einfachen Pissrinne, in der einige Kippen herumschwammen. Mit fortschreitender Zeit und steigendem Alkoholspiegel verloren die Typen auch die Scheu davor, dass ihnen jeder Reinkommende beim Pissen auf die Pimmel starren konnte.

Das Frauenklo hatte wenigstens eine Tür, die man sogar abschließen konnte. Ansonsten war es auch nicht gerade sauber. Sie trauerte ein wenig darüber, dass sie kein Free-Diver war, der die Luft 20 Minuten lang anhalten konnte. Das hier war zwar nicht ganz so schlimm wie die dreckigste Toilette Schottlands, aber nahe dran. Nur leider kam kein Ewan McGregor aus der Schüssel geklettert. Das hätte den Abend vielleicht noch gerettet.



Als sie vom Klo zurück kam, wurde ihre Freundin immer ncoh von dem französischen Männchen bebalzt. Warum sagt sie ihm nicht einfach, wie furchtbar langweilig sie es findet? dachte sie. Warum hatte sie dem Typen an der Bar vorhin nicht gesagt, wie furchtbar dumm sie ihn fand? Warum sagte sie nur zu sich selbst, dass sie sich dumm fand, weil sie anderen nicht sagen konnte, dass sie sie dumm fand? Warum war Ewan nicht aus dieser dummen Toilette gekrochen?

„Ich gehe jetzt!“ brüllte sie ihrer Freundin ins Ohr. Die nickte erleichtert. Gemeinschaftlicher Aufbruch. Das französische Männchen drängte noch seine Telefonnummer auf, folgte aber Gott sei Dank nicht. Draußen erstmal atmen.

10.1.05 19:19


Es wird finster in unserem Land.


Wir beherbergen ?Unheimliche G?ste?, die ?Parallelgesellschaften? bilden ? so titelte zumindest der Focus am 22. November. Gemeint waren muslimische Mitb?rger. Eine Woche zuvor hatte bereits der Spiegel ? Deutschlands gro?es, unabh?ngiges Nachrichtenmagazin, das sich in letzter Zeit durch unsachliche, einseitige Artikel und die Promotion wenig aussagekr?ftiger Online-Umfragen als ?Bildzeitung der Intellektuellen? positioniert ? den Islam als frauenverachtende und gewaltt?tige Glaubensrichtung dargestellt. Ein gewisser Eckhard Kiwitt bezeichnete daraufhin die muslimische Religion in einem Leserbrief wie folgt: ?...l?cherlicher, archaischer und auf b?sartige Weise intoleranter Aberglaube...?. Wahrscheinlich war es nicht die Absicht der verantwortlichen Redakteure, mit ihrem Artikel solche Reaktionen hervorzurufen (und ?ber die intellektuellen F?higkeiten des Briefschreibers ist damit wohl alles gesagt.) Dennoch lie? es sich der Spiegel nicht nehmen, in der selben Ausgabe einen Bericht ?ber muslimische ?Hassprediger? zu ver?ffentlichen.



Zur Klarstellung: Angst vor Terrorismus ist heute leider nicht unbegr?ndet. Dass es unter den Muslimen Fundamentalisten gibt, die vor Gewalt nicht zur?ckschrecken, ist eine traurige Tatsache. Religi?s motivierte Morde sind verabscheuensw?rdig - besonders, da sie von einem falsch verstandenen Glauben sprechen: Der Islam (wie auch Christentum, Judentum und andere Weltreligionen) untersagt das T?ten und predigt Frieden, Toleranz und N?chstenliebe. Trotzdem kann man Gewalttaten nicht leugnen. Au?erdem sind viele Muslime in Europa keineswegs integriert ? von Deutschland zum Beispiel als Multi-Kulti-Gesellschaft zu sprechen, halte auch ich f?r naiv.



Eine undifferenzierte Darstellung in den Medien, vor allem auch in angeblich seri?sen Publikationen, schafft allerdings einen N?hrboden f?r ?ngste und Vorurteile. Leser und Fernsehzuschauer sind nun mal geneigt, den Berichten zu glauben ? besonders wenn, wie in letzter Zeit, fast alle Berichte die selbe Sprache sprechen. Eine differenziertere Meinungsbildung wird fast unm?glich ? nicht jeder hat die M?glichkeit, sich mit muslimischen Bekannten auseinander zu setzen, eine Moschee zu besuchen oder den Koran zu lesen. Gut, eigentlich h?tte schon jeder die M?glichkeit, aber sein wir realistisch, die Wenigsten tun es.



So wird es auf einmal erschreckend einfach, Urteile zu f?llen: Jede, die ein Kopftuch tr?gt, wird unterdr?ckt, tut sie es freiwillig, ist sie radikal; jeder gl?ubige Moslem ist auch ein Islamist. Das h?rt man, das sieht man, das liest man, und zwar nicht bei RTL II oder in der Bild (Sorry an deren Redakteure, aber gerade diese beiden Medien haben nun mal einen gewissen Ruf), sondern im Focus, im Spiegel, bei Spiegel TV.

Die Presse tr?gt eine gro?e Verantwortung, ist sie doch das gr??te Instrument zur Meinungsbildung ?berhaupt. Gerade in einer Zeit, in der aus Intoleranz und Vorurteilen gemordet wird, in der religi?se Ausrichtungen nicht unwesentlich an der Entstehung von neuen Kriegen beteiligt sind und in der national ausgerichtete Parteien wieder Einzug in Landtage und Parlamente halten, ist es ?beraus verantwortungslos, durch unsensible Berichterstattung der Bildung von Vorurteilen Vorschub zu leisten.



Dazu muss gesagt werden, dass alle genannten Artikel und TV-Berichte nicht vollkommen einseitig sind ? irgendwo wird schon differenziert: in Nebens?tzen, kurzen, zu schnell ?berlesenen Einsch?ben. Was bei den Meisten h?ngen bleibt, ist allerdings der Tenor.

Und der gibt mir zu denken. Die Entwicklungen machen mir Angst. Angst, wie beeinflussbar sich Leser und Fernsehzuschauer zeigen, Angst, wie weit ein Teil der Presse dieses Spielchen noch treiben will. Angst, welche Aggressionen hier von allen Seiten hervor brechen. Gleichzeitig finde ich es schade, traurig und be?ngstigend, dass die Menschen scheinbar nicht in der Lage sind, aus der Geschichte zu lernen ? selbst, wenn diese Geschichte gerade mal 60 Jahre zur?ckliegt. In Holland und Deutschland brennen bereits die ersten Moscheen.



Zuerst erschienen im "NERV", der Zeitschrift f?r politische und kulturelle Bildung an der Universit?t Hildesheim



10.1.05 19:24


Mitleids-Welle

Nach der ersten Welle kam die zweite. Die Welle der Bilder, der Augenzeugenberichte, der Kommentare sämtlicher vernachlässigter ARD-Dritte-Programm-Moderatoren, der Spendenaufrufe und Galas. Das Elend im Bewegtbild, in 34 Seiten langen Artikeln, geschmückt mit Augenzeugenberichten Überlebender (Touristen). Keine Sekunde darf der Zuschauer/der Leser/der Hörer das Leid aus den Augen verlieren, Dauerpräsenz, 24 Studen am Tag überrollt die Welle uns auf Neue, versinken wir dank der wackeligen Aufnahmen geistesgegenwärtiger Pauschalurlauber mit den Opfern in schlammig-braunen Fluten.

Hilfe tut Not, geholfen wird. Rekordverdächtig nicht nur die Zahl der Opfer, auch die Summe der Spendengelder. Wie immer bedarf es einer Katastrophe, bis sich der Mensch auf seine Menschlichkeit besinnt.

Rekordverdächtige Hilfsbereitschaft, rekordverdächtige Einschaltquoten. Doch beginne ich bei täglich neuer Betrachtung der täglich gleichen Bilder ein Zerren an den Nerven zu spüren. Will ich das immerzu sehen? Will ich einer wochenlangen medialen Ausschlachtung des Leidens beiwohnen? Kann ich es nicht ohne stündliche, halbstündliche Wiederholung im Gedächtnis behalten? Bin ich so degeneriert, dass ich ohne ständige Erinnerung vergesse zu helfen?

Bedarf Menschlichkeit der Medien?
12.1.05 16:58


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